Kurzfristig geht alles super, kurzfristig habe ich die Energie, Sachen anzupacken, die gemacht werden müssen. Den Haushalt zu schmeißen. Zu Terminen zu gehen. Meine Verlobte zum Spiel zu begleiten - wobei auch das nur noch funktioniert, weil ich das ganze Spiel über eine Kamera in der Hand halte und nur auf die Einstellung und Sichtweise der Kamera achte und eben nicht auf alles drum herum.
Weil ich funktionieren muss.
Weil ich nicht schlapp machen darf.
Weil es mir nicht schlecht gehen darf.
Weil niemand etwas mitbekommen darf.
Und dann falle ich wieder in dieses tiefe Loch.
Gehe wieder durch das tiefe und finstere Tal.
Und kann es wieder nicht zugeben.
Niemand darf merken, wie es mir wirklich geht.
Selbst die Therapeutin und die Psychiaterin sehen nur einen Bruchteil.
Selbst meine Verlobte bekommt nicht alles mit.
Weil ich nicht schwach sein darf.
Weil niemand sehen darf, dass es mir nicht gut geht.
Weil ich niemanden enttäuschen darf.
Weil ich doch nur eine einzige Enttäuschung bin.
Was habe ich denn schon geschafft?
Ich habe eine Ausbildung - in einem Beruf, den ich nicht ausüben will.
Ich habe jahrelang studiert - einen Studiengang, an dessen Ende ich kein Licht sehe.
Wie immer treu auf der Linie.
Wie immer so geradeaus wie möglich.
Kurven im Lebenslauf? Bitte nicht.
Auflehnung gegen die Eltern? Auf keinen Fall!
Schwäche zeigen und zusammenbrechen? Bloß nicht!!
Erst so langsam komme ich überhaupt dahin,
dass ich mir selbst eingestehen kann,
dass ich die Linie nicht weiter verfolgen will.
dass ich die Linie nicht weiter verfolgen WILL.
dass ich ein eigenes Leben habe.
dass ich für mein eigenes Leben kämpfen muss.
Aber wie kämpft man - wenn man es nie gelernt hat?
Wie kämpft man - wenn jede kleinste Planabweichung immer sofort bestraft wurde?
Wie kämpft man - wenn Kämpfen heißt, dass man doppelt zu leiden hat?
Ja, sag, wie kämpft man?
Wer kämpft, kann verlieren.
Wer nicht kämpft - hat schon verloren.
Wir haben schon zu viel verloren.
Unsere Zuversicht.
Unsere Sicht auf die Zukunft.
Unser Selbstvertrauen.
Unser Recht zu Kämpfen?
Darf ich kämpfen?
Darf ich straucheln?
Darf ich fallen?
Und wenn ich falle - bin ich in der Lage, selbst wieder auf die Beine zu kommen?
Und wenn ich nicht in der Lage bin - wer hilft mir? wer fängt mich auf?
Ja, wer fängt mich auf.
Meine Verlobte fängt mich auf.
Meine Therapeutin fängt mich auf.
Aber allein das Wissen reicht nicht, wenn das Vertrauen auf das Auffangen fehlt.
Nicht, dass mir jetzt wer fehlendes Vertrauen zu meiner Verlobten unterstellt! Oh nein, weit gefehlt.
Aber das Vertrauen, dass jemand da ist, wenn ich falle - das muss erst noch wachsen.
Wer kann es mir verübeln?
Wenn wir früher gefallen sind - wurde nochmal nachgetreten.
Ja, nicht nur, wenn wir gefallen sind - es wurde immer getreten!
Es gab keine Seite, zu der wir uns wenden konnten, auf der wir Schutz gefunden hätten!
Wer kann es uns da verübeln, dass wir kein Vertrauen haben?
Wer kann es uns da verübeln, dass wir Angst vorm Fallen haben?
Und dass wir deshalb nicht zeigen dürfen, dass wir schon so gut wie unten sind?
Und daher das nicht mal zeigen können!?!
Lange Zeit war es still hier auf unserem Blog - das tut uns Leid für alle, die sich um uns Sorgen gemacht haben. Das war nicht unsere Absicht. Es gab - und gibt immer wieder - Momente, in denen der Kontakt nach draußen verboten ist. Dann darf weder geschrieben noch gelesen werden. Dann ist alles verboten, wodurch andere von unserer Existenz erfahren könnten. Wir dürfen nicht sein. Nicht schwach sein. Nicht auffallen. Nicht zur Last fallen.
Danke an alle, die trotz allem noch unseren Blog besuchen. Die uns lesen und uns zeigen, dass wir uns zeigen dürfen. Dass wir nicht so wertlos sind, wie wir uns oft fühlen.
Danke.